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Wo bleibt unser menschliches Mitgefühl?

 

Uns Flüchtlingsbegleiter ist dieses nicht verloren gegangen. Bundesweit, dies belegt eine Allensbach-Studie im Auftrag des Bundesinnenministeriums, haben seit 2015 mehr als 55 Prozent der Bevölkerung auf unterschiedliche Art und Weise Geflohene unterstützt. Und es gibt viel mehr Aktive, als man nach den Debatten vermuten könnte. Geschätzt leisten über 9.000.000 Bundesbürger aktive Hilfe. Und wir alle sind auch „das Volk“.

 

Anfangs wurde Deutschland von der ganzen Welt für die Willkommenskultur bewundert, mittlerweile wird nicht die Rettung von Menschen oder deren Integration als Erfolg gesehen, sondern deren Abschiebung in möglichst großer Zahl.

 

Masterplan und Zurückweisungen prägen seit Wochen eine seelenlose Debatte. Über Menschen in Not – keiner gibt freiwillig seine Familie und seine Heimat auf, überwindet lange Strecken und setzt sich dem Risiko von Inhaftierung, Folter sowie dem Ertrinken im Mittelmeer aus - wird wie Sachen gesprochen. Flüchtlinge kommen fast nur noch in Statistiken vor.

 

Seit Wochen erleben wir eine ungehöre Eskalation. So berichtet ein Politiker, sichtlich amüsiert: „ausgerechnet an meinem 69. Geburtstag sind 69 Personen – das war von mir so nicht bestellt – nach Afghanistan zurückgeführt worden. Das liegt weit über dem, was bisher üblich war."

(Stimmt. Die Behörden in Kabul sollen darüber sehr verärgert sein, denn es war eine Obergrenze vereinbart).

 

Die Orientierung an humanitären und christlichen Werten scheint abhanden zu kommen. Von Asyltourismus zu sprechen, ist eine zynische Verhöhnung. Touristen reisen zum Kennenlernen fremder Orte und zur Erholung. Dabei werden sie keinen Schutz vor Gefahren und Verfolgung suchen.

 

Wer meint, das eine Anti-Abschiebe-Industrie oder Abschiebe-Saboteure unsere Gerichte überrennen verkennt, zu unserer freiheitlichen Grundordnung gehört das Recht, dass sich jeder gegen staatliche Entscheidungen juristisch wehren kann.

 

Warum müssen sich Kapitäne, deren Crew Frauen und Kinder vor dem Ertrinken gerettet haben, vor Gericht verantworten? Sind 500.000.000 Menschen in der EU nicht in der Lage, auch einer größeren Zahl von Flüchtlingen Schutz vor Krieg, Tod und Verfolgung zu gewähren?

 

Die mediale Aufmerksamkeit und unser Mitgefühl galt tagelang auch in Sondersendungen dem in einer Höhle eingeschlossenen Fußballteam. Zu Recht. Die über 1.400 im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge sind, wenn überhaupt, nur noch gelegentlich eine Randbemerkung wert.

 

„Wir ersetzen Unterstützung durch Unmenschlichkeit. Wo politisches Eingreifen der Staatengemeinschaft benötigt wird, bauen wir Zäune, ziehen Grenzen und glauben allen Ernstes, Lager seien eine Lösung.“ (Zitat aus einem Leserbrief).