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Interview beim BAMF

Hier ein hilfreicher Erfahrungsbericht von Johanna Rau, den ich um die Information ergänzen möchte, dass in naher Zukunft eher für zwei Tage nach Gießen eingeladen werden wird. Für Transport, Übernachtung und Frühstück sorgt der Landkreis. Alles andere muss selbst organisiert und mitgenommen werden.

Am Ende der Ausführungen ist ein Fragebogen zur Vorbereitung auf das Interview beigefügt.

Liebe SozialpatInnen, liebe Engagierte,

seit etwa einem Monat hat in Offenbach eine Außenstelle des BAMF geöffnet, um, so scheint es mir, mit einem Kraftakt den Stapel all der liegengebliebenen Registrierungen abzuarbeiten. Kurz hintereinander erhielten drei meiner „Patenfrauen“ Einladungen in diese Außenstelle. Ich habe all drei begleitet, und möchte die Erfahrungen gerne mit Ihnen/Euch teilen, da ich der Meinung bin, dass man mit etwas Vorbereitung dieses Interview wirklich gut nutzen kann.

Adresse: Kaiserleistraße 28 (Googlemaps: Areva-Gebäude), von der A661 gut zu erreichen: Offenbach Kaiserlei abfahren, rechts halten Richtung Frankfurt, an Mc-Donalds vorbei, bei der Ampel rechts rein, am Kreisel wieder rechts – auf der linken Seite. Achtung! Kaum Parkplätze – ich habe bei McDonalds geparkt, aber eigentlich darf man das nicht ;-)) öffentliche Verkehrsmittel weiß ich leider nicht – selber herausfinden, vermutlich am besten, sich vom Bahnhof Offenbach mit der Taxe bringen zu lassen.

ALLE Interviewten werden für um 8.00 Uhr eingeladen. Da es sich um etwa 80 bis 100 Personen handelt, kommen die letzten aber erst nachmittags dran – das muss man wissen, um sich darauf einstellen zu können: Etwas zu trinken und zu essen mitnehmen! Für Kinder Spielzeug, evt. Toilettenpapier (jaja – ist schnell knapp, bei so viel Leuten). In der Nähe gibt es außer McDonalds und einer Tankstelle nichts, und auch dorthin zu laufen ist aufregend: man sollte nämlich da sein, wenn man aufgerufen wird. Lieber alles, was man den Tag über braucht, mitbringen.

Einchecken: mit den im Brief angegebenen Papieren unten an der Pforte beim Sicherheitsdienst. Die können allerdings über das weitere Prozedere wenig/keine Auskunft geben.

Anhörung: findet in den oberen Stockwerken (nur über Fahrstuhl zugänglich) statt. Nur die Angehörten, Rechtsanwälte und die Mitarbeiter des BAMF mit. Es gibt etwa 40 AnhörerInnen, und so, wie es aussah, genügend Dolmetscher.

Die Anzuhörenden werden namentlich von einem Mitarbeiter und einem Dolmetscher aufgerufen und persönlich abgeholt. Nach §17, Abs. 2 des Asylgesetzes darf zwar zur Anhörung ein Dolmetscher des Vertrauens mitgebracht werden, aber Verwandte, auch wenn sie gut sprechen, gelten nicht als solche. Ich hatte den Eindruck, dass die Dolmetscher ok sind (wurde auch von den drei Frauen bestätigt.) Eine der Frauen wollte gerne eine Anhörerin und eine Dometscherin – darum kann man bitten, und die Leute bemühen sich, darauf einzugehen. Manchmal klappt das aber auch nicht, je nachdem, wie die Leute beschäftigt sind. Es lohnt sich aber, solche besonderen Wünsche schon im Vorneherein einem der Mitarbeiter, wenn sie jemanden ausrufen kommen, mitzuteilen.

Zur Anhörung sollte man über das, was im Brief erwähnt ist, alles mitbringen, was zum belegen der Dinge, die man erzählen möchte, hilfreich ist. Schriftliche Merkzettel sind erlaubt (s.u.).

Alle drei Frauen berichteten, dass die Atmosphäre sehr freundlich gewesen sei und sehr bemüht, die Menschen zu beruhigen. Es ist erlaubt, auch im Interview um Pausen zu bitten, zur Toilette zu gehen, um etwas zu Trinken zu bitten, und sich so auch ein bisschen zu „erden“. Auch das sollten sich die Menschen aufschreiben, in der Aufregung vergisst man es leicht.

Aufregung: durch das lange Warten und die vielen Menschen ist es leicht, NOCH aufgeregter zu werden als ohnehin schon. Es ist gut, wenn die Menschen wissen, dass sie genau das erwartet – dann wird es wieder einfacher.

Interviewvorbereitung:

Das Interview ist DIE Möglichkeit, so umfassend und klar wie möglich darzustellen, in welcher Weise man im Heimatland verfolgt wurde, und warum es unmöglich ist, dorthin zurückzukehren. Diese Chance lohnt sich auszunutzen. Und Paten können prima dabei helfen.

1.) Der erste Teil des Interviews besteht aus der Aufnahme persönlicher Daten. Schon da kann man eine Menge für die Glaubwürdigkeit des/der Anzuhörenden tun: Sollte es in verschiedenen Dokumenten, die denselben Menschen betreffen z.B. unterschiedliche Namen, Schreibweisen, Geburts- oder Heiratsdaten geben, macht es großen Sinn, diese Unterschiedlichkeiten zu begründen – Namensrecht, unterschiedliche Kalender etc. Auch hier: so viel wie möglich, falls vorhanden, sammeln (Urkunden etc.), um Angaben belegen zu können. Bei Heiraten evt. auch wichtig zu sagen, nach welchem Recht und vor wem sie stattgefunden haben (Staat/religiöse Gemeinschaft) – wenn man es nicht belegen kann, zumindest sagen können.

2.) SozialpatInnen sollten erfragen, aus welchen Gründen der betreffende Asyl beantragt hat: politische Gründe? religiöse? Frauenspezifische? oder…? Denn dieser Grund muss dann belegt werden, und zwar persönlich. Es reicht z.B. NICHT aus zu sagen: ich bin Angehöriger einer religiösen Minderheit, und bin als solcher gekommen – man muss belegen/erzählen, inwieweit die eigene Religionsausübung einen in tatsächliche Schwierigkeiten gebracht hat, oder evt. Mitglieder der Familie, oder der Gemeinschaft im Dorf/Stadt.

Wichtig ist: man muss so konkret wie möglich erzählen, was (Tatbestand) wann (konkrete Daten) wo (konkrete Orte) in welcher Weise (beschreiben) geschah, welche Personen involviert waren (Namen), was die Konsequenzen waren (beschreiben), oder welche befürchtet werden (evt. aufgrund anderer Erfahrungen).

Wichtig: alles so konkret wie möglich! Und in kurzen, knappen Sätzen, denn alles wird hin und her übersetzt, da gehen langatmigere Ausführungen verloren.

Soweit ich mitgekriegt habe, spielen dann die weiteren Fluchtumstände keine große Rolle mehr, ist aber sicher auch nicht verkehrt zu erzählen, wenn es die Möglichkeit dafür gibt.

3.) SozialpatInnen können dann helfen und die Stichpunkte abfragen. Unsere „deutschen“ Ohren benutzen! Lesen und fragen, wenn einem etwas als „ungereimt“ auffällt: „Sie erzählen, dass Sie zu dem und dem Zeitpunkt da und dort waren, aber dann geht Ihre Geschichte in… weiter. Wie sind Sie dorthin gekommen? Was war der Grund?“

Oder: Sie erzählen, Sie seinen Angehörige des …-Clans/dieser studentischen Guppe/ dieser Partei gewesen. Können Sie mir sagen, welche Rolle dieser Clan/diese studentische Gruppe/diese Partei für Ihre Gefährdung gespielt hat?“ Das sind jetzt nur Beispiele, ich hoffe, Ihr versteht, was ich meine. Den Menschen selbst sind Umstände, Namen und Auseinandersetzungen als „Hintergrund“ für ihre eigene Geschichte so vertraut, dass sie manchmal völlig vergessen, sie zu erwähnen. Dann wird aber der Ablauf manchmal holprig und durcheinander und das macht keinen guten Eindruck.

Je schrecklicher etwas ist, desto minimalistischer es für sich selbst sprechen lassen, auch um den Erzählenden zu schützen. Wenn er es aufgeschrieben hat, kann er/sie die traumatischsten Dinge auch unter Umständen dem Dolmetscher/der Dolmetscherin zum lesen und übersetzen geben. „Am 13. Juli kam eine Gruppe Al-Shabab-Männer in unser Haus in xy und entführten meine Schwester xy, 14 Jahre, meine Frau xy, 16 Jahre, erschossen meinen Vater xy, 57 Jahre und erschlugen meinen Bruder xy, 18 Jahre, meine Mutter war zu Besuch bei einer Tante in …, ich selber wurde mit einem Bajonett niedergestochen.“

Wenn alle Namen, Orte, Gruppen, Altersangaben schon in dem kurzen Text drin sind, muss nicht noch Ewigkeiten hin und her nachgefragt werden.

Was etwas an politischer Kenntnis voraussetzt (in diesem Fall: wer/was sind die Al-Shabab) sollte erklärt werden können – die AnhörerInnen sind gut informiert, was die Lage in den Ländern angeht.

Generell gilt: nichts aufbauschen – nüchtern bei dem bleiben, was tatsächlich war. Das wirkt besser als Geschichten, die einem seltsam vorkommen.

Wichtig ist, mit dem/der zu Interviewenden schriftlich ein Gerüst aus Geschehnissen, Daten, Orten, Personen zusammenzustellen, mit dessen Hilfe sie/er dann zusammenhängend seine/ihre Situation im Heimatland darstellen kann.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass, wenn sie das schon einmal mit einem Gegenüber (Sozialpaten oder sonst ein Jemand, der bereit ist, diese nachfragende „Coach“-Rolle zu übernehmen) durchgespielt und alles Wichtige schriftlich fixiert haben, sie das ruhiger und gelassener macht – auch weil sie diesen „Merkzettel“ mit ins Interview nehmen dürfen und so die Möglichkeit haben, auch noch mal nach zu schauen, ob sie nichts Wichtiges vergessen haben. (Deswegen: immer noch mal nachfragen: gibt es noch etwas, das wichtig ist? Möchtest Du/möchten Sie noch etwas erzählen? Hast Du/haben Sie vielleicht noch etwas vergessen?) Je umfassender und klarer das Bild ist, desto besser – und desto ruhiger kann der Mensch ins Interview gehen, ist auf Fragen gefasst und kann antworten. Und darum geht’s!

Das Interview selber dauert etwa zwei bis drei Stunden….

Hört sich schwieriger an, als es ist. Klug und genau zuhörende Ohren helfen den Mund aufzumachen und die Wahrheit zu sprechen…

Bei Rückfragen gerne an Johanna Rau (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!) wenden, allerdings erst wieder, wenn die Schule beginnt. Danke!

Vorschläge für „ins Sprechen hörende“ Fragen:

persönliche Daten:

Name, evt. Geburtsname, Geburtsort, Geburtstag, Namen der Eltern (und weiterer Familienangehöriger, soweit sie in der Geschichte eine Rolle spielen), Geschwister mit Namen und Alter, Ehepartner und Kinder mit Namen und Alter, jeweils auch die jetzigen Aufenthaltsorte, die eigene Schulbildung, Ausbildung, Beruf (jeweils mit Belegen, sofern vorhanden, auch schon mal in die richtige Ordnung bringen), Volks-/Clan-/Religionszugehörigkeit, Sprache.

Warum haben Sie das Land verlassen und warum können Sie nicht zurück:

Was ist wann wo auf welche Weise geschehen?

Welche Gruppen/Personen waren beteiligt? (Namen!!)

Gibt es einen politischen/religiösen/genderspezifischen/sonstigen Hintergrund für dieses Geschehen (Gesetze zitieren können macht was her!)?

Was müssen Deutsche wissen, um die Bedrohung verstehen zu können? (Zusatzinformationen sammeln)

Gibt es einen geschichtlichen Hintergrund, der erwähnt werden müsste, in den sich das Erzählte einbetten lässt?

Und was geschah als nächstes? Und als nächstes?

Was waren die Auswirkungen für Sie selbst? Für Ihre Familienmitglieder, damals, und eventuell jetzt noch immer?

Was glauben Sie würde geschehen, wenn Sie wieder in Ihr Land zurückkehrten?

Ich glaube, das wäre es so in etwa. Alles Weitere ergibt sich dann aus den konkreten Geschichten...

 
 
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